Taiwan-Info

 

"Die Presse" (Wien) vom 21.07.1999

 
 
   
   
     
  PEKING. China zieht weitere Truppen in seiner südlichen Provinz zusammen und bereitet offenbar Großmanöver aller Waffengattungen vor, berichteten am Wochenende mehrere Zeitungen in Hongkong. Militärexperten in der Region gehen davon aus, daß die Volksbefreiungsarmee zur Einschüchterung Taiwans ähnlich umfassende Militärübungen durchführen will wie schon 1996. In Taipeh, der Hauptstadt Taiwans, reagiert man darauf offiziell mit gelassener Routine: "China versucht wieder einmal, durch psychologische Kriegsführung die Bevölkerung Taiwans einzuschüchtern", erklärte ein Regierungsvertreter.

Die Zweifel der Experten
Die "Hongkong Economic-Times" berichtete von angeblichen Plänen der Pekinger Führung, als "Strafaktion" gegen Taiwan zwei kleinere Inseln zu besetzen. Solche Meldungen scheinen Ausdruck der Nervosität nach der dramatischen Abkehr Taiwans von der "Ein-China-Politik". Fortan handle es sich bei den Kontakten zum Festland um "Staat-zu-Staat-Beziehungen", hatte Taiwans Präsident Lee Teng-hui erklärt und damit wütende Reaktionen Pekings ausgelöst.
Sollte sich Taiwan für unabhängig erklären, warnte Chinas Militär daraufhin, werde es die Insel mit Waffengewalt erobern. Militärexperten zweifeln allerdings, ob die Volksbefreiungsarmee (PLA) trotz ihrer großen Überlegenheit dazu überhaupt in der Lage wäre.
Die Taiwanesen haben nach Ansicht von Experten entweder moderne Militär-Technologien aus eigener Kraft entwickelt oder vor allem in Amerika zusammengekauft. Zudem haben ihnen die USA seit Jahren im Falle eines Angriffs Hilfe zugesichert. Für einen schnellen Sieg über die Insel verfüge China, wie es heißt, nicht über genügend Truppen und das richtige Kriegsgerät.
Da Taiwan rund eine Million Männer und Frauen zur Verteidigung mobilisieren könnte, bräuchte die Volksbefreiungsarmee etwa drei Millionen Kämpfer; insgesamt dienen in der PLA derzeit 2,8 Millionen aktive Soldaten. Hinzu kommen rund 1,2 Millionen Reservisten. Dagegen stehen 276.000 taiwanesische Uniformierte und knapp 1,67 Millionen Reservisten.
Fest steht: Beide Seiten rüsten heftig auf. Taiwan plant zum Beispiel, bis 2001 insgesamt 150 amerikanische F-16 Kampfbomber und 60 französische Mirage 2000 für seine Luftwaffe anzuschaffen; bis zum August 1998 waren 60 Maschinen ausgeliefert.
China ist dagegen in Rußland guter Kunde. Es erwarb jüngst 49 moderne Kampfflugzeuge vom Typ Suchoi-30. Bereits 1996 kaufte Peking für 2,5 Milliarden Dollar die Lizenz zum Bau von 200 Maschinen des Typs Suchoi 27-SK. Allerdings läuft die Produktion nach westlichen Erkenntnissen schleppend.
Auf dem Meer sind die Chinesen den Insulanern überlegen: Sie besitzen 63 U-Boote (Taiwan: vier), 18 Zerstörer (Taiwan: ebenfalls 18) und rund 35 Fregatten (Taiwan: 18). Allerdings sind die taiwanesischen Kriegsschiffe, die teilweise aus den USA und aus Frankreich stammen, mit modernster westlicher Technik ausgerüstet.

Hauptfaktor Raketen
Entscheidender Faktor bei einem Angriff auf Taiwan wären Raketen und Marschflugkörper. Taipeh ist vor allem darüber besorgt, daß Peking in den Küstenprovinzen in den letzten Jahren die Zahl der Raketen vom Typ M-9 und M-11 von rund 30 bis 50 auf bis zu 200 aufgestockt hat. Zur Abwehr haben die Taiwanesen sechs amerikanische "Patriot"- Basen um Taipeh errichtet. Die können allerdings nichts gegen chinesische Mittelstreckenraketen ausrichten. Die chinesischen Waffen würden nur fünf Minuten brauchen, um in Taipeh einzuschlagen.
Deshalb streben die Taiwanesen unter das Dach des amerikanischen "Theater Missile Defence"-Systems (TMD), mit dem Washington Japan, Südkorea und seine eigenen in Ostasien stationierten Truppen vor feindlichen Raketenangriffen schützen will. Allerdings existiert das TMD-System bisher nur auf dem Reißbrett. Peking wehrt sich heftig dagegen, daß auch Taiwan vom TMD profitieren könnte.
   
   
 
     
     
 

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