Taiwan-Info

Welt am Sonntag, 15. August 2004

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"Entdeckungsreise auf der Insel des Spargels"

von Dirk Fuhrig

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@ Der Stolz des Landes ist 508 Meter hoch, zählt mehr als einhundert Stockwerke und sieht aus, als hätte jemand acht Kaffeefilter ineinander gesteckt. 50 Aufzüge sausen in 39 Sekunden bis fast an die Spitze. Ein gigantisches Pendel sichert die 95 000 Tonnen Stahl und Glas gegen Erdbeben, die Taiwans Hauptstadt Taipeh in regelmäßigen Abständen heimsuchen.

 "101" heißt das Gebäude. Es ist, einschließlich Antenne, das höchste Haus der Welt. Zumindest für die nächsten ein, zwei Jahre. Dann wird es von anderen Turmgiganten überrundet sein. In Korea plant man einen noch höheren Wolkenkratzer, ebenso in Shanghai, Dubai und New York.

Taiwan sonnt sich trotzdem in seiner architektonischen Meisterleistung. Sie ist ein Symbol für den Aufbruch des Eilands ins 21. Jahrhundert. Mit dem "101" hat Taiwan der Welt - und erst recht den Rotchinesen vom Festland - bewiesen, dass es zu Außergewöhnlichem fähig ist.

Das war dem kleinen Land ein großes Bedürfnis. Und verschafft ihm Genugtuung. Denn mit dem 101 Etagen zählenden Spargel hat sich Taiwan, das zuvor bestenfalls als Produzent des Formosa-Dosenspargels bekannt war, international einen Namen gemacht. Seit dem Turmbau blickt die Welt nach Taiwan, obwohl die Insel nur von wenigen Ländern rund um den Globus diplomatisch anerkannt wird. Zudem konnte das kleine Land den großen Bruder grandios übertrumpfen, nämlich die Volksrepublik China, die Taiwan bis heute als abtrünnige Provinz betrachtet und allzu gern mit dem roten Reich der Mitte "wiedervereinigen" möchte. Die Genossen dürften sich jedenfalls reichlich geärgert haben, dass ausgerechnet Taipeh ihren Boomstädten Shanghai und Peking die Show stiehlt.

 Ganz fertig ist der Wolkenkratzer noch nicht. Erst im Dezember soll der metallisch schimmernde Rekordturm vollständig eröffnet werden. Schon jetzt aber hat das "101-Building" die Hauptstadt massiv verändert. Ein neues großes Viertel mit Hotels und Messezentrum ist um den Spargel herum entstanden, der als weithin sichtbares Wahrzeichen die City überragt und einzig in Konkurrenz zu den sanften Hügeln tritt, die Taipeh umschließen.

In den unteren Geschossen des "101" hat eine noble Shopping-Mall eröffnet, die von den Einheimischen vom ersten Tag an begeistert in
Beschlag genommen wurde. Hier treffen sich die trendbewussten Hauptstädter, um nach ihrem Zug durch die luxuriösen Gucci-, Cartier-
und Prada-Boutiquen in einem italienischen Café auf einen Espresso einzukehren - in Taipeh derzeit der letzte Schrei.

 Die Insel Taiwan gibt es schon lange, einen mehr oder weniger unabhängigen Staat erst seit 1949. Damals war Chiang Kai-Shek vom
Festland geflohen. Der Führer der Kuomintang-Partei, von den Kommunisten geschlagen, setzte mit 500 000 Soldaten, anderthalb Millionen Zivilisten und sämtlichen Goldreserven auf die Insel über.
Hier schuf er ein kapitalistisches System, das sich bis heute offiziell "Republik China" nennt und - ebenso wie die Volksrepublik China - am Alleinvertretungsanspruch für das gesamte Land festhält.

 Chiang Kai-Shek wird in Taiwan nach wie vor verehrt. Seine Gedenkstätte im Herzen Taipehs ist einer der touristischen Höhepunkte.
Im Innern der Huldigungs-Halle sind die Lieblingsautos des 1975 gestorbenen Staatspräsidenten ausgestellt, der Rasen davor füllt sich
jeden Morgen mit hunderten von Tai-Chi-Anhängern. Meister Hu, hochbetagt und hochberühmt, unterrichtet hier regelmäßig seine Jünger im Schattenboxen. Bevor sie ins Büro oder an die Ladentheke gehen, kommen sie zu nachtschlafender Zeit hierher.

 Buddhistisch entspannt geht es auch auf den Straßen von Taipeh zu. Im Vergleich zu anderen boomenden Zentren Asiens wirkt die
Drei-Millionen-Metropole fast wie ein gemütliches Landstädtchen. Zwar sind die meisten traditionellen Holzhäuser verschwunden, aber etliche Hauptstraßen sind nach wie vor mit Palmen gesäumt. Die breiten Autobahnen, die auf Stelzen an den Wohnzimmerfenstern der Hauptstädter vorbeilaufen und ewig verstopft sind, wirken wie seltsame Fremdkörper in dieser ruhig dahinlebenden Stadt.

 Zu den Höhepunkten eines Taipeh-Aufenthaltes zählen auch die bunten Nacht-Märkte. Traditionelle Jade-Arbeiten sind hier zu haben,
medizinische Kräuter und Aphrodisiaka, dazu lokale Spezialitäten wie Wachtel-Spiegeleier oder gegrillte Schlangen.

 Überhaupt lassen die Garküchen und Restaurants der Hauptstadt keine kulinarischen Wünsche offen. Die Einwanderer aus allen Teilen Chinas haben ihre regionalen Rezepte mitgebracht. Ob kantonesische Dim-Sum-Täschchen, mongolischer Feuertopf oder ultrascharfe
Szechuan-Soßen: In Taipeh sind die Kochkünste so hoch entwickelt wie kaum irgendwo sonst im fernen Osten. Dass Essen die
Lieblingsbeschäftigung der Taiwaner ist, beweist auch "Eat Drink Man Woman", jener weltbekannte Kultfilm über die Gaumenfreuden der Insulaner.

Ilha Formosa, schöne Insel, wurde Taiwan von den portugiesischen Kolonialherren im 16. Jahrhundert getauft. Das klingt für deutsche
Ohren ohnehin nach Küche: Weißer Formosa-Spargel aus der Dose lag seit den 70er-Jahren auf vielen überbackenen Toastscheiben und fügte sich perfekt als Büfett-Zutat zum Geflügelsalat.

Die Stengel schießen auch heute noch üppig aus der taiwanischen Erde, vor allem an der flachen Westküste, wo auch Zuckerrohr, Ananas und Zitrusfrüchte angebaut werden. Das meiste Obst wird exportiert. Die Bananen-Ernte etwa geht komplett nach Japan mit dem Ergebnis, dass Bananen im Land selbst als rare Luxusprodukte gehandelt werden.

Taipeh ist auch ein Ort für kulturelle Genüsse. Eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt wird im Nationalen Palast-Museum ausgestellt. Schätze aus vielen Jahrhunderten chinesischer Kaiserherrschaft. Auch sie wurden bei der Trennung Taiwans vom kommunistischen Festland aus Peking hierher gebracht, verpackt in tausenden von Kisten.

 Feinstes Porzellan sowie unglaublich filigrane Schnitzarbeiten zeugen von der kunsthandwerklichen Meisterschaft, die im alten China
kultiviert wurde. Einige der mehr als 800 000 Objekte sind so winzig klein, dass in den Vitrinen eigens Lupen angebracht worden sind - ohne Vergrößerungsglas sind die feinen Verzierungen nicht zu erkennen. Dieser "Louvre des Ostens" wird zurzeit umgebaut und renoviert, um die Kostbarkeiten noch wirkungsvoller zeigen zu können. Auch hier bringt sich Taiwan up to date.

Das Museum allein lohnt schon die Reise nach Taipeh. Bislang kommen allerdings erst wenige europäische Touristen auf die Insel, und sie bleiben meist in der Hauptstadt. Was schade ist, denn die "schöne Insel" hat durchaus ihre Reize. Im Osten sprudeln beispielsweise heiße Heilquellen. Im Süden bei Kenting wird an malerischen Stränden geschwommen und gesurft vor der Kulisse zerklüfteter Felsformationen. Beim Baden sind westliche Touristen allerdings oft unter sich. Einheimische stürzen sich nur in Ausnahmefällen in die Brandung und auch ihr Sonnenhunger ist begrenzt.

Taiwan ist vor allem ein Land der Berge. Bis auf wenige Meter kommt Yushan, der Jadeberg, an die 4000er-Marke heran. Ganz in seiner Nähe durchzieht eine spektakuläre Schlucht das zentrale Bergmassiv. Der Liwu-Fluss und zahlreiche Seitenarme haben in jahrtausendelanger Arbeit das Taroko-Tal in den Fels geschnitten. Auf schmalen Steigen, deren Verlauf zum Teil noch zu erkennen ist, hangelten sich früher die taiwanischen Ureinwohner, polynesischstämmige Atayal, durch die steilen Wände. Heute schlängelt sich eine Serpentinenstraße durch dutzende von Tunnels und über ebenso viele Brücken. Unten rauscht der Wildbach, rechts und links stehen kleine Tempel und Pagoden. China wie aus dem Bilderbuch.

 Am besten lässt sich der Taroko-Nationalpark mit seinen vielen seltenen Pflanzen- und Tierarten auf einem der weit verzweigten
Wanderwege entdecken. Aber auch im Bus oder Auto bietet sich ein ungewöhnliches Landschaftserlebnis. Zumal wenn man nicht zurück an die markante Ostküste mit ihren menschenleeren Badebuchten fährt. Sondern weiter auf der gut ausgebauten Provinzstraße in Richtung Südwesten.

Nach ein paar Stunden erreicht man einen Ort, der mit gutem Recht das Herz Taiwans genannt werden kann. Die geografische Mitte der Insel ist hier nicht weit. Aber nicht das macht den Sonne-Mond-See so besonders. Vielmehr ist es seine Atmosphäre.

Wie ein verträumter Alpensee liegt er da zwischen bewaldeten Bergen. Allgäu auf Taiwanisch. Man erwartet Schloss Neuschwanstein im Hintergrund, doch es ist eine neunstöckige Pagode, die durchs Gebüsch blinzelt. Eine perfekte Idylle, die auch der Staatsgründer zu schätzen wusste: Chiang Kai-Shek verbrachte am See regelmäßig seine Ferien. Seine Sommerresidenz wurde 1999 bei dem großen Erdbeben zerstört. Jetzt steht dort ein nobles Design-Hotel, das "Lalu" (siehe unten).

 Individuelles Reisen ist in Taiwan nicht sonderlich kompliziert im Vergleich etwa zu China. Busse und Züge erschließen das Land entlang der Ost- und Westküste. Demnächst nimmt auch ein Super-Schnellzug den Betrieb zwischen Taipeh und Kaohsiung im Süden auf. Mutige dürfen getrost ein Auto mieten. Wie in Deutschland wird hier rechts gefahren, und auf den Hauptstraßen sind die Schilder auch Englisch beschriftet.

Wer sich für den Mietwagen entscheidet, hat gleichzeitig die Chance, nähere Bekanntschaft zu schließen mit einer einzigartigen, nur in
Taiwan zu findenden Attraktion: Winzige Kisten aus Glas, kaum größer als ein Wohnwagen, in denen junge Frauen in aufreizender Kleidung sitzen und für die Vorbeifahrenden posieren. "Das sind Betelnut-Girls", erklärt unser taiwanischer Führer. "Sie verkaufen Getränke und Betelnüsse an die Fernfahrer." Weiter nichts, versichert er auf Nachfrage.

Ob das auch die Fernfahrer wissen? Wir jedenfalls wissen es nicht. Stattdessen probieren wir eine Nuss, die beim Kauen den Speichel rot färbt und eine leicht berauschende Wirkung hat. Die erste Nuss schmeckt furchtbar bitter, ein wenig nach Kaffee und Kaugummi, danach aber kann man nicht mehr lassen von der Volksdroge Taiwans. Das ist ähnlich wie mit dem Land selbst: Wer einmal dort war, fragt sich, warum er nicht schon viel früher hierher gekommen ist.
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