Taiwan-Info

HIER SCHREIBT HARALD SCHMIDT

 
 

Unser China

  Der Kanzler hat's gut. Wird ihm hier der Stress zu viel, macht er für ein paar Tage rüber nach China. Keine Basis, keine Niedersachsen, kein Gerster – nur jubelnde Chinesen, wo immer sich der deutsche Regierungschef in Begleitung unserer führenden Wirtschaftsköpfe zeigt. Diese zeigen sich rundum begeistert: vom „rasanten Wachstum“ mindestens ebenso wie von der „politischen Offenheit“.

Verständlich, denn mit beidem sieht es ja hierzulande eher trüb aus. Vor allem in Fragen der politischen Offenheit können wir von der chinesischen Führung einiges lernen. Musste je ein chinesischer Partei- und Regierungschef mit Rücktritt drohen? Bleibt nicht dem überwiegenden Teil unserer chinesischen Freunde das Zahlen von Krankenkassenbeiträgen erspart? Gibt es im Mandarin-Wörterbuch eine Seite, auf der sich „Renteneintrittsalter“ finden lässt? Die Liste der sozialstaatlichen Vorzüge ließe sich beliebig erweitern. Und jetzt kaufen sie uns auch noch den alten Atomkrempel aus Hanau ab. Natürlich beobachten wir das mit einem roten und einem grünen Auge. Aber erstens ist es ein Unterschied, ob so ein Atomding im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet steht oder irgendwo zwischen Hongkong und Gobi. Platz hat der Chinese ja massenhaft. Und außerdem nutzt er das alles nur friedlich. Das hamse uns versprochen. Es wäre also alles eitel Sonnenschein und der Satz des Kanzlers vor der Mauer (der chinesischen, um Abo-Kündigungen im Osten zu vermeiden wg. Missverständnis) – „Ich bin ein Chinese“ – nicht mehr fern, gäbe es nicht das ungezogene Taiwan. Das war unsereinem bisher eher nicht so bekannt, aber der Taiwaner ist gegen die Einheit wie früher die SPD. Wenn wir den Kanzler richtig verstanden haben, ist der Taiwaner eine Art Ossi, aber noch viel undankbarer. Deswegen kriegt er von uns auch keine Waffen. Da kann der Kanzler ganz schön stur sein. Es müsste einen nicht wundern, wenn er demnächst in einer Shanghai-Bar drei ahnungslosen Taiwanern zuzischt: „Euch mach ich fertig.“ Weil sich doch China (das richtige, kanzlerbegeisterte) damals so herzzerreißend für die deutsche Einheit eingesetzt hat (wir erinnern uns), wünscht sich Gerhard Schröder jetzt auch ein vereintes China.

„Ich bin ein Chinese“

Das ginge schneller als eine Holzmann-Rettung: Taiwan tritt einfach dem rasant wachsenden und politisch offenen China bei, und fertig ist die Laube. Stattdessen will die taiwanesische Regierung das Volk abstimmen lassen. Ja, wo simmer denn? Vielleicht ist dies der richtige Zeitpunkt, um den Begriff „Menschenrechte“ mal ins Spiel zu bringen. Bloß, damit es mal gesagt ist. Menschenrechte klingt ja schon länger irgendwie nur noch nach Kabarett, und man will sich bei den Chinesen ja auch nicht einmischen. Wo doch alles so schon wächst und brummt, dass man es bis nach Deutschland hört. Und man eigentlich zufrieden wie ein führender Wirtschaftskopf nicken kann, dass die störenden Menschenrechte gar nicht angesprochen werden, damit das Brummen nicht verstummt.

Nur als kleine Schmonzette zum Schluss: Ich habe mal einen Chinesen gefragt, warum man keine Chinesen bei der Tour de France sieht, wo sie doch ein Volk von Radlern sind. Antwort: „Die Berge hoch freiwillig? Chinesen hassen das Rad. Die fahren bloß, weil sie kein Auto haben.“ Da könnte der Kanzler Abhilfe schaffen.

(FOCUS Nr. 50/03, © 2003 FOCUS Magazin Verlag GmbH)

   
 
   
   
 

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