Taiwan-Info

Stilblüten

 
Taiwans Geschichte und insbesondere sein Verhältnis zu China sind zugegebenermaßen eine verwickelte Materie. So verwundert es nicht, wenn durch die Medien und andere Institutionen - teils unwissentlich, teils aus "gewissen Gründen" - recht merkwürdige Darstellungen in Umlauf gebracht werden. Einige besonders "gelungene" Beispiele sowie andere recht absurde Erscheinungsformen der "Ein-China-Politik" sollen hier präsentiert werden. Zur Einstimmung:

Harald Schmidt zu Schröder und Taiwan


 
   

Systems 2002:
Auf der IT-Messe in München war man offenbar der Meinung, taiwanesischen Messeteilnehmern erklären zu müssen, wo sie hingehören. Ihnen wurde ein Besucherausweis folgender Art ausgestellt (Personen- und Firmenname hier gekürzt):

Auf Nachfrage vor Ort hieß es, dass die Datenbank einen anderen Ausdruck nicht erlaube. Inzwischen hat die Münchner Messegesellschaft erklärt, dass die Programmierung geändert wird.

 

 

ARD-Korrespondent: Auf der Website der ARD erklärt der Korrespondent Klaus Scherer den früheren Diktator Tschiang Kai-shek kurzerhand zum "Gründer" Taiwans (s. " Samstag: Emotionen vor dem Tschiang Kai-scheck-Denkmal"). Auch die Anführungszeichen ändern nichts an der ziemlich abenteuerlichen Vermischung diametral entgegengesetzter politischer Ziele.
"Tschiang Kai-shek" war der Verlierer des chinesischen Bürgerkrieges von 1947-1949 und führte seine "chinesischen Nationalisten" (KMT-Partei) zu ihrer letzten Rückzugsbasis auf die Insel Taiwan. Taiwan interessierte ihn nur als Bastion, von wo aus die "Rückeroberung" des Festlandes erfolgen sollte, um die "Republik China" in ihrer alten Größe wiederherzustellen.
Die Unabhängigkeitsbewegung, die nach der Niederschlagung des Aufstands von 1947 entstand (Taiwan war schon bei Kriegsende 1945 von der KMT übernommen worden), erteilte Tschiangs fantastischen Rückeroberungsplänen eine Absage, zumal diese als Rechtfertigung für das bis 1987 geltende Kriegsrecht herhielten. Statt der "Republik China" setzten sie sich die Gründung einer "Republik Taiwan" zum Ziel. Die Befürworter der Unabhängigkeit wurden im Land selbst gnadenlos verfolgt und operierten daher aus dem Exil. Erst 1989 wurde das Eintreten für die Unabhängigkeit geduldet. Die heutige Regierungspartei von Präsident Chen Shui-pien trat in der Opposition offen für die Unabhängigkeit ein, heute verfolgt Chen aus taktischen Gründen einen vorsichtigeren Kurs. Jüngst brachte er die Möglichkeit eines Referendums über die Zukunft Taiwans ins Gespräch. Sollte sich die Bevölkerung dann für die Unabhängigkeit und damit gegen eine Vereinigung mit China entscheiden, erst dann wäre der Tag der "Gründung" Taiwans gekommen.

 

 


Belgische Regierung:
Warum Chen Shui-bian eine Einladung des Europäischen Parlaments nicht annehmen kann

Wie Außenminister Eugene Chien am vergangenen Sonntag (16. März 2003) in Taipeh bestätigte, hatte der Präsident des Europäischen Parlaments Pat Cox an den Präsidenten Taiwans Chen Shui-bian die Einladung ausgesprochen, am 26. März vor dem Europäischen Parlament in Brüssel zu sprechen.

Nachdem die Volksrepublik China diese Einladung als Unterstützung der "separatistischen Position" Chens ausgelegt und die Warnung ausgesprochen hatte, sie torpediere die freundschaftliche sino-europäische Kooperation, wird ein Besuch Chens in Europa vorerst nicht möglich sein.

Auch aus dem Außenministerium Taiwans heißt es nun, dies sei "kein günstiger Zeitpunkt" für einen Besuch des Präsidenten in Europa. Mitglieder der Regierungspartei in Taiwan erklärten, dass man die Volksrepublik China in dieser "sensitiven Zeit" nicht provozieren wolle.

Obwohl die belgische Abgeordnetenkammer am 13. Februar 2003 mit 127 [von insgesamt 150] Stimmen eine Entschließung angenommen hatte, in welcher die belgische Regierung aufgefordert wurde, dem Präsidenten und anderen hochrangigen Vertretern Taiwans Visa für private Besuche auszustellen, hat die belgische Regierung bereits erklärt, dass sie, in Abstimmung mit allen EU-Außenministern, Chen Shui-bian ein Visum verweigern würde.

Der Vorsitzende der Liberalen Fraktion im Europäischen Parlament Graham Watson reagierte mit der Frage, inwieweit es schade, wenn man den Abgeordneten erlaube, mit einem demokratisch gewählten Führer zu sprechen.

(nach "Taipeh-Info-Blitz" Nr. 54 vom 18.03.03 - Newsletter kann mit einer Mail an taipeh-info-blitz@gmx.de abonniert werden).

 

 


"Miss Universe"-Wahl 2003:
Szu Yu Chen, die als "Miss Chinese Taipei" an der "Miss Universe" Wahl teilnahm, wischt sich eine Träne aus dem Gesicht, als sie am 23. Mai in Panama City Journalisten erklärt, dass sie als "Miss Taiwan" bezeichnet werden möchte (übers. nach REUTERS/Alberto Lowe).
   
  Szu Yu Chen, die als "Miss Chinese Taipei" an der "Miss Universe" Wahl teilnahm, legt sich am 23. Mai 2003 in Panama City ein "Miss Taiwan"-Band um. Chen möchte als "Miss Taiwan" bezeichnet werden, trotz Anweisungen aus Beijing, dass sie "Chinese Taipei" repräsentieren muss (übers. nach REUTERS/Alberto Lowe).

Laut der chinesischsprachigen Zeitung "Europe Journal" vom 24. Mai 2003 hatten die Organisatoren zunächst vertraglich zugesichert, dass sie als "Miss Taiwan" auftreten würde. Schliesslich gaben sie chinesischem Druck teilweise nach und kamen zu der salomonischen Lösung, dass sie auf der Bühne das Band "Miss Chinese Taipei" tragen solle, ansonsten aber am Austragungsort auch "Miss Taiwan" tragen könne.

   
   
 
   
   
     
     
 

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