Taiwan-Info

 

"Welt" vom 26.10.2001

 

Furcht vor Überraschungsangriff auf Taiwan

   
 

  Militärische Unterlegenheit gegenüber Peking - USA zeigen sich besorgt

     
  Von Herbert Kremp

Berlin - Drei Faktoren fachen den Taiwan-Konflikt an: Da ist zum einen der Binnendruck auf die Pekinger Führung, dem Unabhängigkeitsstreben des taiwanesischen Präsidenten Chen Shui-bian entgegenzutreten; da gibt es die strategische Lücke, die das technologische Kriegsbild zu Ungunsten Taiwans erzeugt hat und im Übrigen die Unsicherheit der Schutzmacht Amerika, mit der Möglichkeit eines chinesischen Überraschungsangriffs umzugehen.

Für eine Landung fehlen China nach wie vor moderne Transportkapazitäten sowie alle Mittel, die See- und Lufthoheit zu erringen. Um die 160 Kilometer breite Taiwanstraße zu überwinden und bei stets unruhiger See und heftiger Gegenwehr die Steilküsten zu bezwingen, benötigte der Angreifer mindestens 600 Landungsboote, 20 Divisionen (750 000 Mann) und zwei Wochen Zeit. China hat jedoch nur Transportraum für zwei Divisionen. Das Risiko des Scheitern wäre übermächtig.

Das bekannte Defizit kann jedoch niemanden beruhigen, weil China an der Gegenküste von Fujian etwa 1000 Kurzstreckenraketen und Cruise Missiles konzentriert hat, die ausreichen, um alle Flug- und Seehäfen, Infrastruktur, zivile Kommunikation und Stromversorgung sowie militärische Befehlszentren unter Feuer zu nehmen. Damit hat sich das Kriegsbild entscheidend verändert: Solange Taiwan keine Aegis-Radarsysteme auf See besitzt, um Raketeneinflüge frühzeitig zu erkennen und durch Standard Missiles III (Antiraketenversion) zu bekämpfen, ist es einem massiven Schlag - wie treffsicher der auch immer sein mag - schutzlos ausgeliefert. Die vorhandene Einfachversion der amerikanischen Patriot-Raketenabwehr - sie wurde im Kuweit-Krieg 1991 zum Schutze Israels eingesetzt - reicht zur wirksamen Verteidigung nicht aus.

Damit ist ein Lücke entstanden, der Peking die Chance eines Überraschungsangriffs mit erheblichen Zerstörungsfolgen bietet. Die Situation stellt Washington vor zwei Herausforderungen im Wahljahr: Die Taiwan Relation Act von 1979 legitimiert zur Hilfe im Angriffsfall und zum Verkauf von Waffen zur Selbstverteidigung. Bei den Drohmanövern der Chinesen aus Anlass der Taiwan-Wahlen 1996 entsandten die USA zwei Flugzeugträger mit Begleitschiffen und eine Peripherie von 14 Kampfschiffen in das Seeumfeld der Insel.

Die aktuelle Raketendrohung erforderte die US-Präsenz umso dringender, wobei die Aegis-gestützte Raketenabwehr im Vordergrund zu stehen hätte. Washington zögert: Die veränderte strategische Lage wirft die schwierige Frage auf, ob eine Raketenabwehr ohne Bekämpfung der Stellungen auf dem Festland sinnvoll sein könnte.

Taiwan hat Washington eine lange Liste von Waffenwünschen vorgelegt. Die Seestreitkräfte, vor allem die vier U-Boote (gegenüber 96 chinesischen) sind - im Unterschied zur Luftwaffe - veraltet. Das Ersuchen um vier moderne Zerstörer mit Aegis-Radar und Raketenabwehrsystemen (6,5 Milliarden Dollar insgesamt) stellt die USA vor eine heikle Entscheidung. Für Peking bedeutet eine moderne Zurüstung Taiwans, dass die momentane "Lücke" zu seinen Gunsten sich relativ schnell wieder schließen könnte. Die Beherrschung Taiwans würde in unakzeptable Ferne rücken.

   
   
 
     
     
 

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